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Ist es hier schön
Landschaft nach der ökologischen Krise


Herausgegeben von Anton Holzer und Wieland Elfferding
Wien (Verlag Turia + Kant) 2000,
282 Seiten, mit Abb., 298.- ÖS/42 DM
(ISBN 3-85132-240-1).

Mit Beiträgen von:
Wolfgang Kos, Georg Seeßlen, Rolf Nohr, Bernhard Kathan, Anton Holzer, Lucius Burckhardt, Antje Vollmer, Wieland Elfferding, Birgit Planken und Volker Schurig, Christian Rapp und Michael Jäger.

Inhalt

Übergänge zu einer postökologischen Landschaft.
Einleitung der Herausgeber

Wolfgang Kos
Die Neutralisierung der Landschaft
Einige Positionen in der zeitgenössischen Kunst

Georg Seeßlen
Western und Wetterkarte
Landschaft als Zeichen und Wunder in der populären Kultur

Rolf Nohr
Imaginäre Landschaften
Der Blick in den Raum, digitale Flüge und Wetterkarten

Bernhard Kathan
Die Wildnis als Projektionsfläche für streßgeplagte Manager
Was wilde Tiere mit Daimler Benz zu tun haben

Anton Holzer
Prädikat: häßlich
Vom Nutzen und Nachteil der Badewanne in der Landschaft

Lucius Burckhardt
Brache als Kontext
Postmoderne Landschaft - gibt es das?

Antje Vollmer
Europa als Garten
Spaziergang durch eine politische Landschaft

Wieland Elfferding
Cybernatur
Der Nationalpark als Landschaftsdiskurs

Birgit Planken und Volker Schurig
Wilderness als Naturutopie der Moderne
Warum der Nanga Parbat auch von unten ganz schön ist

Christian Rapp
The Last Frontiers
Landschaft zwischen Krieg und Erinnerungskultur

Michael Jäger
Ökologie der Oberfläche
Der Begriff des Naturschönen bei Kant als Eckstein einer Theorie des Landschaftsdiskurses

"Landschaft" erlebt ein Come-back. Nachdem der Begriff die letzten zwei oder drei Jahrzehnte in der Mottenkiste antiquierter Gesellschaftsmetaphern zugebracht hatte, kehrt er nun fast schon triumphierend zurück in die politische Öffentlichkeit. Landschaft ist wieder in, der Begriff wird dem Reservoir touristischer Schlagworte entrissen, er kehrt zurück in die Stadt, angereichert um ästhetische, kulturhistorische und politische Mehrwerte. In allen möglichen Formen und Verknüpfungen verschaftt sich ein neuer Landschaftsdiskurs Gehör und Aufmerksamkeit: Ausstellungen, Features, Podiumsdiskussionen, Installationen und Projekte.

Die These sei hier gewagt, daß diese neue Rede von der Landschaft ein anderes Modekonzept aus dem Feld gedrängt hat: den Begriff der "Umwelt" in all seinen Verästelungen und Verknüpfungen, so wie er in den 60er Jahren ins Bewußtsein einer größeren kritischen Öffentlichkeit getreten ist. Hans Magnus Enzensbergers "Theorie des Tourismus" aus dem Jahr 1958 markiert im deutschen Sprachraum vielleicht diesen Einschnitt. Enzensberger diagnostizierte Ende der 50er Jahre den Siegeszug des modernen Tourismus und die mit ihm verknüpfte Faszination an der Natur als Utopie und als Verlust zugleich, eine Vorstellung, die sich von der Romantik herschreibt. "Dies, die unberührte Landschaft und die unberührte Geschichte, sind die Leitbilder des Tourismus bis heute geblieben. Es ist nichts anderes als der Versuch, den in die Ferne projizierten Wunschtraum der Romantik leibhaftig zu verwirklichen. Je mehr sich die bürgerliche Gesellschaft schloß, desto angestrengter versuchte der Bürger, ihr als Tourist zu entkommen." Aber diese Flucht in die Natur konnte, so Enzensberger, nicht gelingen: "Längst hatte sich inzwischen der Sieg des Tourismus als Pyrrhussieg erwiesen, längst war das Fernweh nach der Freiheit von der Gesellschaft, vor der es floh, in ihre Zucht genommen worden. Die Befreiung von der industriellen Welt hat sich selber als Industrie etabliert, die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden." Der Begriff Umwelt taucht in diesem Text noch nicht auf. Und dennoch zeichnet sich bereits ab, daß das Unbehagen an der Ware Landschaft mit neuen Gesellschaftsmetaphern beantwortet wird. "Umwelt" hatte die Vorteile eines "Brückenkonzeptes": Es vermittelt zwischen unversöhnlich erscheinenden Partikularinteressen, zwischen Ökonomie, Politik, Wissenschaft und Ästhetik. Allerdings wurde der ungewollt versöhnlerischen Tendenz des Begriffs damals wenig Beachtung geschenkt. Zwar sollte mit der "Umwelt" ein Gesamtzusammenhang kritisch erfaßt werden und der Begiff wurde zum streitbaren Begriff einer politischen Bewegung. Doch faßte er, entsprechend seiner systemtheoretischen Herkunft, das Naturverhältnis des Menschen von vornherein merkwürdig neutral und äußerlich. Unkämpferisch in seiner Bedeutung, wurde er doch für knapp drei Jahrzente zur zentralen Metapher eines ökologischen Landschaftsdiskurses. Und vieles spricht dafür, daß dieser seinem Ende zugeht. Zumindest spricht das Come-back einer neuen Landschaftsdebatte für eine grundlegende Akzentverschiebung: im Schatten der Krise der Ökologie hat sich eine postökologische Nische herausgebildet. Die Landschaft spielt darin wieder eine wichtige Rolle.

Es ist, als würden die Ausbreitung und gleichzeitige Verwässerung des Anliegens der "Umweltbewegung" die bisher ans Ökologische gefesselten Blicke auf die Landschaft wieder freigeben. Die Beiträge zur neuen Landschaftsdebatte bezeichnen einige der Übergänge zu einer Ära nach der Ökologie. Ihr Anliegen ist freilich nicht die Überwindung der Ökologie als wissenschaftlicher Disziplin, vielmehr wollen sie am Beispiel der "Landschaft" ein Feld politisch-kultureller Öffentlichkeit vermessen, das sich in der Krise der Ökologiebewegung auftat. Die Schritte über einige der engen Prämissen der "Umweltbewegung" hinaus bedeuten aber nicht einfach einen Abschied von ihren Utopien. Im Gegenteil: Im Titel des Buches schwingt die melancholische Erinnerung an die erneut verdrängten Katastrophen des Industrialismus ebenso mit wie die Haltung "fröhlicher Wissenschaft", welche manche dieser Bedenken bereits hinter sich gelassen hat und mit den Trümmern aus den Kämpfen gegen und um die "Umwelt" unbefangen zu spielen beginnt.

Während der Beginn der ökologischen Ära leichter diagnostiziert werden kann, ist sein mutmaßliches Ende schwerer auf den Punkt zu bringen. Immerhin ist die Verschiebung von der ökologischen zur post-ökologischen Landschaftsdebatte mitten im Gange. Einige Hinweise dafür, daß die "Umwelt"- Themen zugunsten einer neuen Rede von der Landschaft gewichen sind, lassen sich zusammentragen. Der moralische Gestus des Arguments von außen, das aus sicherer Entfernung die Ware Landschaft von der wahren Landschaft zu unterscheiden imstande war, ist einer neuen, womöglich produktiven Unsicherheit gewichen. Die gute und die böse, die schöne und die häßliche Landschaft sind nicht mehr so ohne weiteres auseinanderzuhalten. Mit der neuen Landschaftsdebatte ist die Moral an den Rand, dafür aber die Ästhetik - in ihrer unbekümmerten und oft subversiven Spielart - erneut ins Zentrum geholt worden. Hatte die "alte" Umweltbewegung ihre Spezialisten für Theorie und Praxis, von den Biologen bis hin zu den Ökonomen, so hat der neue Landschaftsdikurs ebenfalls seine Advokaten: die Kulturhistoriker, die Philosophen, die Architekten. Was als sozial-ökonomisches Projekt in den späten 50er Jahren begonnen hatte, als engagiertes Interesse für Menschen und Natur, erfährt nun, so scheint es, eine weitere Wendung: einerseits in Form einer gewissen ästhetischen Läuterung, andererseits in einer neuen Faszination für die Abgründe der Natur.

Landschaft kommt von Land. Daß sich die alte Landschaftsdebatte spätestens seit der Romantik auf das Land als utopischen, idyllischen, reinen, bedrohlichen, schönen Gegenpart zur Stadt eingeengt hatte, beschleunigte ihre schnelle Kapitulation vor dem Begriff der Umwelt vermutlich noch. Die "Landschaft" wurde beschuldigt, zum Überbauphänomen reaktionärer, entfremdender, unpolitischer Gesellschaftsentwürfe zu verkommen. Die Symbiose zwischen - angeblich verstocktem - Land und Landschaft schien unauflöslich. Mittlerweile ist die Landschaft selbstbewußt in den Raum des Urbanen zurückgekehrt. Landschaftsdebatten haben, vielleicht im Gefolge von Land Art-Projekten und Industriearchäologie, zunehmend neuralgische Übergangszonen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: Bergbaufolgelandschaften, Industrieruinen, nachmilitärische Brachlandgebiete, Verkehrsknotenpunkte, städtische Peripherien, Wüsten und Gletscher. Aus ehemaligen Nicht-Landschaften werden allmählich unter tatkräftiger Mithilfe der Kunst und der Geschichte neue, widersprüchliche, faszinierende Landschaften oder besser: Landschaftsinstallationen. Landschaft ist nicht länger ein Synonym für die "schöne Landschaft". Die neuen Landschaften haben auch Löcher, sie stinken, sind verkabelt, es sind gebrauchte, verbrauchte und oft verlassene, wüste und verwüstete Landschaften.

Als der Architekt und aufmerksame Beobachter der Alltagskultur Friedrich Achleitner sich in den 70er Jahren in einer Textsammlung erstmals mit dem Thema beschäftigte, war der Titel des Buches symptomatisch für das Spannungsfeld innerhalb der ökologischen Landschaftsdebatte. Der Band hieß "Die Ware Landschaft". Knapp zwanzig Jahre später kommt Achleitner wieder auf das Thema zurück, in anderer Form, mit anderem Titel, mit anderem Gestus. Das Buch "Die Plottegges kommen" heißt im Untertitel schlicht: "Ein Bericht". Die Verschiebung ist keine zufällige. Der Landschaftsdiskurs der 90er Jahre ist ein anderer geworden. Die Moral der kritischen Analyse ist der spielerischen Ästhetik gewichen. Die Landschaft ist wieder durchlässig geworden, sie hat ihren Platz als antiurbaner Ort schlechthin eingebüßt. Ihre Ränder, ihre Schatten- und Übergangszonen rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sie kommt plötzlich zwischen Kunst, Stadt und Land zu liegen, so wie die "Plotteggs" Achleitners, die steirischen Siloballen, die eine gewagte Reise vom Land in die Stadt antreten - und dort in Flammen aufgehen.

Die Beiträge dieses Bandes wollen weniger eine Bilanz dieser Verschiebung hin zu einem neuen Landschaftsdiskurs versuchen, es sind vielmehr Probebohrungen an verschiedenen Stellen eines noch unsicheren Terrains. Sie sondieren, aus unterschiedlichen Disziplinen und Erfahrungszusammenhängen kommend, ein Feld, das keine klaren Grenzen aufweist. Die neue Landschaftsdebatte ist heterogen wie die Perspektiven der hier versammelten Beiträge. So wie die neuen Landschaften Orte kennzeichnen, die mit den alten Begriffen wie "Natur", "Umwelt" oder "Schönheit" nur mehr unzureichend umschrieben werden, bewegen sich auch die Autoren dieses Buches oft auf Neben- und scheinbaren Umwegen. Fast alle überschreiten die traditionellen Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen. Das Thema "Landschaft" ist neuerdings, wohl infolge seiner gesellschaftlichen Zwitterstellung, zum Gegenstand interdisziplinärer Annäherung geworden. Am radikalsten hat wohl der Diskurs der Kunst die Landschaft als Zone des Übergangs erfaßt. Aber auch die Naturwissenschaft hat, so wie die Sozialwissenschaften, die Philosophie und die Geschichte, begonnen, die Landschaft nicht nur als physisches Territorium zu begreifen, sondern als eine Art kulturelles Gelände. Am sichtbarsten wird diese kulturelle Zeichnung der Landschaft vielleicht dort, wo sie bildliche Abdrücke hinterläßt, im populären Kino etwa, in den modernen Fremdenverkehrsprospekten, in der Werbung oder - in den Wetterkarten.

Die "postökologische" Landschaft ist ein schwankender Ort, eher eine Fläche für Projektionen als eine klar umrissene Gegend. Sie verbindet Attribute herkömmlicher Landschaften mit neuen Eigenschaften. Die Vorortlandschaften, die Brachen, diese Deformationen und Abweichungen vom Ideal der schönen Landschaft, wie wir sie nicht mehr nur an den städtischen Rändern finden, sondern längst auch am Lande, sind vielleicht Prototypen der zukünftigen Landschaften. Diese Hybride, die den Bilderbuchvorgaben idealer Landschaft gar nicht mehr folgen wollen, sind dabei, sich selbstbewußt und nicht mehr nur verschämt einen Platz in unserer kollektiven Vorstellungswelt zu erobern. Als Zonen des Übergangs sperren sie sich gegen eindeutige Zuschreibungen und sie stemmen sich auch gegen die alte Dichotomie "schön" vs. "häßlich".

"Ist es hier schön...", ein Ausruf, eine Frage, ein Zweifel. Aber kein Plädoyer für Beliebigkeit. Einige Autoren suchen gerade in der ästhetischen Dimension klassischer Landschaften den festen Boden, der in den schwankenden Kriterien der Erhaltungs- und Schutzwürdigkeit von Natur und Landschaften unterzugehen drohte. Andere knüpfen an die ökologisch orientierten Debatten über Natur- und Landschaftsschutz an und sehen im ökonomisch erzwungenen radikalen Wandel der Nutzung europäischer Landschaften die Chance, zu einer Art postmoderner Wildnis zurückzukehren. Schließlich gibt es den Versuch, die Landschaft dem Schutz-Gedanken zu entwinden und ihr in all ihrer Brüchigkeit, Abgründigkeit und Verbrauchtheit einen neuen ästhetischen Ort einzuräumen. Die Landschaft trägt - so sehen es zumindest einige der Künstler, die sich mit dem Thema beschäftigen - die Spuren ihrer Nutzung wohl oder übel mit sich. Die Landschaft als antiurbanes Refugium gibt es nicht mehr.

Während der Entstehung des Buches hat sich herausgestellt, daß das Alpine unversehens und eher unbeabsichtigt zu einem thematischen Fokus geworden ist und daß sich zudem bei genauerem Hinsehen die Perspektiven der Autorinnen und Autoren charakteristisch nach ihrer Nähe oder Ferne zu den Alpen gruppieren. So als würde sich das romantische Paradigma im Zugang zum Thema noch einmal wiederholen, kämpfen die einen gegen den physischen und moralischen Verfall einer fernen, geliebten Landschaft, während die anderen sich aus zu großer Nähe schon jenseits des Paradigmas einer klassischen Naturlandschaft und ihres Schicksals bewegen. So wird die Grenze zur postökologischen Landschaft gleichsam von zwei Seiten aus ins Blickfeld genommen, oder anders ausgedrückt, sie kommt in zwei Haltungen zum Ausdruck: in jener der Trauer und jener der Erleichterung . Und beide gründen in der objektiven Unentschiedenheit in einer Zeit des Übergangs. Nachdem nicht nur die Landschaft, sondern auch deren Schutz zur Ware geworden ist, wissen wir noch nicht, welche Richtung diese Dialektik einschlagen wird. Die Träume und Alpträume von der Bewohnbarkeit der Erde sind weit gefächert, von künstlichen Landschaften im Cyberspace über Ökodiktaturen bis hin zum Verlassen der Erde. Mancher wendet sich von der Ökologie enttäuscht ab, nachdem deren Potentiale von der umfassenderen Maschine der Kapitalisierung der Erde eingefangen zu sein scheinen. Ob wohl die postökologischen Landschaftsdiskurse, deren Themen und Argumente die Texte dieses Bandes durchziehen, das Erbe der Ökologie auch in dem Sinne antreten werden, daß sie sich in ihren kleinteiligen, unprätentiösen und doch subversiven Zugriffen auf die Landschaft letztlich als ausdauernder und widerstandsfähiger erweisen, was das Festhalten an der bleibenden Utopie anbetrifft: die Erde bewohnbar zu machen?

Institut für sozial-ökologische Forschung

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